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B2 · Echte Geschichte

Das Foto im Schuhkarton

Erfurt · Umzug · Familie

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Das Foto im Schuhkarton – Deutsch lernen mit Geschichte, German story B2 · Echte Geschichte
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Das Foto im Schuhkarton

Jonas fuhr an einem Freitag nach Erfurt, weil seine Großmutter🇬🇧 grandmotherdie in eine kleinere Wohnung ziehen wollte. Die alte Wohnung roch nach Bohnerwachs und nach dem Kuchen, den sie immer etwas zu früh aus dem Ofen nahm. Im Flur standen schon Kisten, aber viele Schränke waren noch voll. Sie sagte, sie schaffe das nicht allein, und er hatte sich den Tag frei genommen.

Sie begannen in der Küche🇬🇧 kitchendie, weil dort weniger Erinnerung und mehr Geschirr lag. Jonas wickelte Tassen ein, und die Großmutter🇬🇧 grandmotherdie entschied, was mit nach vorn durfte und was zur Abgabe ging. Manchmal hielt sie eine Tasse zu lange, dann stellte sie sie doch in die Kiste für die neue Wohnung. Er drängte nicht und wartete einfach.

Am Nachmittag kamen sie zum Schlafzimmer. Unter dem Bett stand ein Schuhkarton🇬🇧 shoeboxder, der mit einem Gummiband geschlossen war. Jonas zog ihn hervor und fragte, ob noch Schuhe darin seien. Die Großmutter🇬🇧 grandmotherdie runzelte die Stirn, als hätte sie den Karton seit Jahren nicht mehr angefasst.

Im Schuhkarton🇬🇧 shoeboxder lagen keine Schuhe, sondern alte Zettel, Knöpfe und ein einzelnes Foto🇬🇧 photodas. Das Foto zeigte zwei junge Frauen an einem See, die Sonne im Gesicht und die Röcke vom Wind bewegt. Eine der beiden war eindeutig seine Großmutter🇬🇧 grandmotherdie, nur mit dunklerem Haar und einem Lachen, das er so offen selten gesehen hatte. Auf der Rückseite stand ein Datum aus dem Jahr neunzehnhundertsiebenundsiebzig und ein Name🇬🇧 …der.

Der Name🇬🇧 …der lautete Ruth Keller. Jonas las ihn laut, und es wurde still, obwohl in der Küche🇬🇧 kitchendie noch der Wasserkessel stand. Die Großmutter🇬🇧 grandmotherdie setzte sich auf die Bettkante und strich über das Foto🇬🇧 photodas, ohne es umzudrehen. Sie sagte, Ruth sei ihre beste Freundin gewesen, in einer Zeit, in der man eine Freundin nicht leicht ersetzte.

Sie erzählte langsam und ohne Eile. Sie waren zusammen zur Schule gegangen und später im selben Büro in Erfurt. An freien Tagen fuhren sie an den See, aßen Brot und redeten über Bücher, die man sich lieh und weitergab. Dann zog Ruth nach Kassel, weil ihre Schwester dort krank wurde und Hilfe brauchte.

Jonas fragte, ob sie sich damals gestritten hätten. Die Großmutter🇬🇧 grandmotherdie schüttelte den Kopf und sagte, es sei kein Streit gewesen. Es sei das Leben gewesen, das an zwei Orten gleichzeitig weiterging, bis die Adresse nicht mehr sicher war. Das Foto🇬🇧 photodas sei in den Schuhkarton🇬🇧 shoeboxder gewandert, weil der Rahmen im Flur zerbrochen war.

Er schlug vor, vorsichtig zu suchen, ohne die Großmutter🇬🇧 grandmotherdie zu überrumpeln. Beide zögerten, denn ein alter Name🇬🇧 …der kann eine Tür oder eine Enttäuschung sein. Am Ende sagte sie, ein Brief🇬🇧 letterder sei höflicher als ein plötzlicher Anruf. Jonas schrieb in der Küche🇬🇧 kitchendie einen kurzen Text und las ihn langsam vor.

In dem Brief🇬🇧 letterder stand, dass sie das Foto🇬🇧 photodas gefunden hätten und dass Irmgard sich freuen würde, zu hören, ob Ruth gesund sei. Es stand nicht darin, dass jemand etwas schuldig sei oder sich entschuldigen müsse. Die Großmutter🇬🇧 grandmotherdie fügte mit fester Hand einen Satz hinzu, sie denke oft an den See. Dann brachten sie den Brief zur Post, bevor der Mut kleiner werden konnte.

Die Tage danach sortierten sie weiter, Kiste um Kiste. Im Wohnzimmer lag ein Album🇬🇧 …das mit späteren Bildern, mit Kindern, mit Weihnachten und mit einem Garten🇬🇧 gardender hinter dem Haus. Das Album war ordentlich, aber es fehlte genau die frühe Freundin. Jonas verstand, dass nicht jede wichtige Geschichte einen Platz im Album bekommt.

Die Großmutter🇬🇧 grandmotherdie zeigte ihm den Garten🇬🇧 gardender durch das Fenster, obwohl sie ihn bald abgeben würde. Im Garten stand noch ein Apfelbaum, den Ruth einmal mitgegossen habe, sagte sie und lachte über sich selbst. Vielleicht stimme das nicht ganz, fügte sie hinzu, aber der Baum sei trotzdem ein guter Baum. Jonas schrieb den Satz nicht auf, er merkte ihn sich nur.

Am Donnerstag klingelte das Telefon, während sie in der Küche🇬🇧 kitchendie Tee kochten. Eine Frauenstimme fragte nach Irmgard und sagte, hier sei Ruth und der Brief🇬🇧 letterder sei heute angekommen. Die Großmutter🇬🇧 grandmotherdie hielt den Hörer mit beiden Händen. Jonas ging in den Flur, damit das Gespräch ihr gehörte, und hörte trotzdem ihr Lachen.

Danach setzte sie sich und wirkte jünger und müde zugleich. Ruth lebte noch in Kassel, hatte zwei erwachsene Kinder und ein schlechteres Knie. Sie hatte das Foto🇬🇧 photodas nicht vergessen, weil sie selbst einen Abzug in einer Schublade hatte. Sie wollte im Frühling nach Erfurt kommen, wenn die neue Wohnung fertig sei.

Die Großmutter🇬🇧 grandmotherdie legte das Foto🇬🇧 photodas nicht zurück in den Schuhkarton🇬🇧 shoeboxder. Sie stellte es, noch ohne Rahmen, auf das Fensterbrett in der Küche🇬🇧 kitchendie. Jonas besorgte am nächsten Tag einen schlichten Rahmen aus einem Laden in der Innenstadt. Als das Foto darin stand, sah der Umzug weniger nach bloßem Verlust aus.

Sie sprachen über das Album🇬🇧 …das und beschlossen, hinten eine leere Hülle für ein neues Bild freizulassen. Wenn Ruth kam, konnten sie eines machen, nicht als Ersatz für das alte Jahr, sondern als Fortsetzung. Die Großmutter🇬🇧 grandmotherdie fand die Idee nüchtern und richtig. Sie mochte keine großen Schwüre am Küchentisch.

Am Abend aßen sie Suppe und Brot und redeten leiser über den Tag. Jonas sagte, er habe Angst gehabt, eine traurige Geschichte aufzuwecken. Die Großmutter🇬🇧 grandmotherdie antwortete, traurig sei nur das Schweigen gewesen, nicht der Name🇬🇧 …der, und wer frage, riskiere ein Nein, gebe der Freundschaft aber eine zweite Adresse. Er nahm diesen Satz mit auf die Reise zurück.

Bevor er abreiste, schrieb er Ruths Nummer🇬🇧 numberdie deutlich auf einen Zettel neben die Nummer der Großmutter🇬🇧 grandmotherdie. Er versprach, im Frühling wiederzukommen und den Tisch zu decken. Die Großmutter gab ihm einen Apfel aus dem Garten🇬🇧 gardender, obwohl der Garten bald jemand anderem gehören würde. Der Apfel war klein, fest und süß.

Im Zug dachte er an den Namen Ruth Keller und an den grauen Schuhkarton🇬🇧 shoeboxder unter dem Bett. Er sah, wie leicht so ein Karton zum Ort für das Ungesagte wird. Das Foto🇬🇧 photodas war kein dunkles Geheimnis gewesen, nur ein aufgeschobenes Gespräch. Aufschieben kann sehr lange dauern, wenn niemand die Kiste hervorzieht.

Seine Mutter rief an und fragte, ob die Großmutter🇬🇧 grandmotherdie den Umzug schaffe. Jonas sagte, die Kisten seien noch nicht fertig, aber etwas Wichtigeres schon. Er erzählte vom Foto🇬🇧 photodas, vom Brief🇬🇧 letterder und vom Lachen in der Küche🇬🇧 kitchendie. Die Mutter schwieg einen Moment und sagte dann, sie komme am Wochenende nach.

In Erfurt brannte am Abend noch Licht in der Küche🇬🇧 kitchendie. Die Großmutter🇬🇧 grandmotherdie saß vermutlich vor dem Rahmen und übte ruhige Sätze für den Frühling. Jonas lehnte den Kopf ans Fenster und sah die Stadt kleiner werden. Manche Fundstücke passen in keine Kiste, und genau die sollte man nicht wegwerfen.

Vollständige englische Übersetzung

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Jonas traveled to Erfurt on a Friday because his grandmother wanted to move into a smaller apartment. The old apartment smelled of floor polish and of the cake she always took out of the oven a little too early. Boxes already stood in the hall, but many cupboards were still full. She said she could not manage it alone, and he had taken the day off.

They began in the kitchen, because less memory and more dishes lay there. Jonas wrapped cups, and his grandmother decided what could go forward and what would be given away. Sometimes she held a cup too long, then she still put it in the box for the new apartment. He did not push; he simply waited.

In the afternoon they came to the bedroom. Under the bed stood a shoebox closed with a rubber band. Jonas pulled it out and asked whether there were still shoes in it. His grandmother frowned as if she had not touched the box for years.

In the shoebox there were no shoes, but old slips of paper, buttons, and a single photo. The photo showed two young women by a lake, the sun on their faces and their skirts moved by the wind. One of the two was clearly his grandmother, only with darker hair and a laugh he had rarely seen so open. On the back were a date from the year nineteen seventy-seven and a name.

The name was Ruth Keller. Jonas read it aloud, and it grew quiet, although the kettle was still standing in the kitchen. His grandmother sat on the edge of the bed and stroked the photo without turning it over. She said Ruth had been her best friend, in a time when you did not easily replace a friend.

She told the story slowly and without hurry. They had gone to school together and later worked in the same office in Erfurt. On days off they went to the lake, ate bread, and talked about books they borrowed and passed on. Then Ruth moved to Kassel because her sister fell ill there and needed help.

Jonas asked whether they had quarreled back then. His grandmother shook her head and said it had not been a quarrel. It had been life going on in two places at once, until the address was no longer certain. The photo had gone into the shoebox because the frame in the hall had broken.

He suggested searching carefully, without springing it on his grandmother. Both hesitated, because an old name can be a door or a disappointment. In the end she said a letter was more polite than a sudden call. Jonas wrote a short text in the kitchen and read it out slowly.

In the letter it said they had found the photo and that Irmgard would be glad to hear whether Ruth was well. It did not say that anyone owed something or had to apologize. His grandmother added a sentence in a firm hand, that she often thought of the lake. Then they took the letter to the post office before their courage could grow smaller.

In the days after that they kept sorting, box by box. In the living room lay an album of later pictures, of children, of Christmas, and of a garden behind the house. The album was tidy, but the early friend was exactly what was missing. Jonas understood that not every important story gets a place in the album.

His grandmother showed him the garden through the window, although she would soon give it up. In the garden there still stood an apple tree that Ruth had once helped water, she said, and laughed at herself. Perhaps that was not quite true, she added, but the tree was a good tree anyway. Jonas did not write the sentence down; he only remembered it.

On Thursday the telephone rang while they were making tea in the kitchen. A woman's voice asked for Irmgard and said this was Ruth and the letter had arrived today. His grandmother held the receiver with both hands. Jonas went into the hall so the conversation would belong to her, and still he heard her laugh.

Afterward she sat down and seemed younger and tired at the same time. Ruth still lived in Kassel, had two grown children, and a worse knee. She had not forgotten the photo, because she herself had a print in a drawer. She wanted to come to Erfurt in the spring, when the new apartment was ready.

His grandmother did not put the photo back into the shoebox. She stood it, still without a frame, on the windowsill in the kitchen. The next day Jonas got a plain frame from a shop in the center of town. When the photo stood in it, the move looked less like mere loss.

They talked about the album and decided to leave an empty sleeve at the back for a new picture. When Ruth came, they could take one, not as a replacement for the old year, but as a continuation. His grandmother found the idea sober and right. She did not like grand vows at the kitchen table.

In the evening they ate soup and bread and talked more quietly about the day. Jonas said he had been afraid of waking a sad story. His grandmother answered that only the silence had been sad, not the name, and that whoever asks risks a no but gives the friendship a second address. He took that sentence with him on the journey back.

Before he left, he wrote Ruth's number clearly on a slip beside his grandmother's number. He promised to come again in the spring and set the table. His grandmother gave him an apple from the garden, although the garden would soon belong to someone else. The apple was small, firm, and sweet.

On the train he thought of the name Ruth Keller and of the gray shoebox under the bed. He saw how easily such a box becomes a place for what goes unsaid. The photo had not been a dark secret, only a postponed conversation. Postponing can last a very long time if nobody pulls the box out.

His mother called and asked whether his grandmother would manage the move. Jonas said the boxes were not finished yet, but something more important already was. He told her about the photo, about the letter, and about the laughter in the kitchen. His mother was silent for a moment and then said she would come at the weekend.

In Erfurt the light was still on in the kitchen that evening. His grandmother was probably sitting in front of the frame, practicing calm sentences for the spring. Jonas leaned his head against the window and watched the city grow smaller. Some finds fit in no box, and those are exactly the ones you should not throw away.

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Lebenslektion

Traurig ist oft nicht die alte Geschichte, sondern das Schweigen, das niemand unterbricht.

What is sad is often not the old story, but the silence that nobody interrupts.

📝 Tests / Übungen

Beantworte die Fragen. Bei 100 % gibt es eine Überraschung.

1. Warum ist Jonas in Erfurt?

2. Was liegt in dem Schuhkarton unter dem Bett?

3. Wer ist Ruth Keller?

4. Wie melden sie sich zuerst bei Ruth?

5. Was möchte Ruth tun?

6. Wohin stellt die Großmutter das Foto danach?

📚 Wichtige Wörter · Important Words

der = blau die = rot das = grün

das Foto
[FO-to]
photo
DEErklärung

Mit Hilfe eines Fotoapparates erzeugtes Bild – Kurzform für Fotografie

der Schuhkarton
[SHOO-kar-ton]
shoebox
DEErklärung

Karton

die Großmutter
[GROHS-moo-ter]
grandmother
DEErklärung

Mutter des Vaters, der Mutter

das Album
[AL-boom]
DEErklärung

Veröffentlichung mit mehreren, thematisch zusammengehörigen Musikstücken eines Interpreten, einer Band, eines Orchesters o. Ä; repräsentatives, unbedrucktes Buch mit festen Seiten, in das Fotografien, Postkarten o. Ä. zur Erinnerung

der Garten
[GAR-ten]
garden
DEErklärung

Kultiviertes; hauptsächlich zur Kultivierung von Nutzpflanzen (Gemüse, Kräuter, Obst o. Ä.), Zierpflanzen, Rasen usw., ebenso zur Erholung und Freizeitgestaltung genutzte, meist nicht öffentliche Anlage

der Brief
[breef]
letter
DEErklärung

Schriftliche Mitteilung an einen Entfernten, die in einem (geschlossenen) Umschlag durch die Post oder einen Boten befördert wird

die Küche
[KUE-khe]
kitchen
DEErklärung

Raum, in dem die Speisen zubereitet und gekocht werden; Einrichtung, Möbel für die Küche

der Name
[NAH-me]
DEErklärung

Aus einem oder mehreren Wörtern bestehende Bezeichnung für eine Person, ein Tier oder eine Sache, die jmdn., etw. als einmalig, unverwechselbar heraushebt, Eigenname; Bezeichnung für eine Person, Familienname oder Vorname

der Termin
[tɛʁˈmiːn]
appointment
DEErklärung

Festgelegter Zeitpunkt, Tag; für die Fertigstellung, Abgabe von etw., besonders einer Arbeit, festgelegter Zeitpunkt

der Antrag
[ˈantʁaːk]
application
DEErklärung

Bitte um einen Beschluss; Vorschlag

die Nummer
[ˈnʊmɐ]
number
DEErklärung

Zahl, Ziffer, die zur Kennzeichnung dient; Ziffer‍(nfolge), die die Position in einer Reihenfolge, Rangfolge oder Warteschlange angibt

der Ausweis
[ˈaʊsvaɪs]
ID card
DEErklärung

Amtliches Dokument mit Foto und persönlichen Daten, mit dem Bürger eines Landes ihre Identität und ihr Alter nachweisen; persönliches Dokument, das bestätigt, dass eine Person Mitglied einer Institution, Organisation o. Ä. ist oder zu

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